Reisetagebuch
12.Nov.2005
La Paz – Uyuni (Bereich: Unterwegs)
Da Chris und Liz, die uns die letzten Reifen vor der Nase weggschnappt haben und die neuen gleich motieren, kriegen wir ihren noch fuer ein paar km brauchbaren Hinterreifen. Er passt an Martins Motorrad, Silvias Hinterreifen ist noch etwas besser, so beschliessen wir, das Reifenthema erst mal beiseite zu schieben. In Chile wirds schon was geben…
Wir verbringen 3 Tage in La Paz, holen unsere Moppeds vom Service ab (Silvias Motorrad hatte Dreck im Vergaser, nach der Reinigung laeuft es wieder einwandfrei), bummeln durch die Stadt und geniessen die geloeste Atmosphaere.
Es gibt sogar Strassencafes, von denen wir an einem Tag ausgiebig Gebrauch machen. Wir treffen ein paar Exilschweizer, die hier in Entwicklungshilfeprojekten arbeiten. Sie haben ihre Zelte zuhause abgebrochen und koennen sich nicht mehr vorstellen, nach Hause zurueckzukehren und genauso wie frueher weiterzumachen…Immer wieder haben wir inzwischen solche Begegnungen gehabt – das gibt einem schon zu denken. Manche der Auswanderer machen nicht gerade einen zufriedenen Eindruck, die meisten aber, die mit realistischen Erwartungen und einem realisierbaren Plan gekommen sind und sich mit Mentalitaet und lokalen Gegebenheiten angefreundet haben, bereuen den Schritt der Auswanderung nicht. Es gibt also noch Alternativen…
Wir treffen ausserdem ein Schweizer Radfahrerpaerchen, die von Feuerland bis La Paz hochgeradelt sind – unglaublich. Fuer uns ist es schon oft anstrengend und schwer, wie ist das dann erst, wenn man sich mit Muskelkraft fortbewegt? Die Radler geben uns Infos ueber die von uns geplante Strecke ueber den Salar de Uyuni, die verschiedenen Geysire und Lagunen bis nach San Pedro de Atacama in Chile. Es scheint schwer, aber machbar. Wir sind ganz zufrieden, wollen wir doch diese Route gerne nehmen. Wahrscheinlich zusammen mit den Englaendern, zu mehreren koennen wir uns bei schwierigen Passagen besser helfen…Wir werden sehen. Vorher haben wir aber noch eine Schleife durch Bolivien vor.
Wir verabschieden uns von Chris und Liz und verlassen La Paz Richtung Sueden, lassen den Wahnsinnsverkehr in El Alto hinter uns und nehmen die Asphaltstrecke nach Oruro/Cochabamba. Endlos zieht sich die Strecke ueber den beinahe menschenleeren Altiplano, die wenigen Doerfer wirken gottverlassen, es gibt keine Kneipen oder Einkaufsmoeglichkeiten – langsam beginnen wir um unser leibliches Wohl zu fuerchten. Mitten im Niemandsland dann ein Truckstop – die “Oase im Altiplano” - so stehts ueber dem Eingang. Was zum Mittag gibs zumindest mal… An der Abzweigung Richtung Cochabamba nochmal ein paar Haeuser, aber wieder kein Laden. Da wir sicher sind, es an diesem Tag nicht bis Cochabamba schaffen zu koennen und Wildcampen mangels Vorraeten flachfaellt, entschliessen wir uns, in der 30 km entfernten Industriestadt Oruro ein Zimmer zu suchen. Nach ewigem Rumgekurve in der Stadt finden wir einen Platz zum Schlafen (mehr aber auch nicht…dafuer billig, naja, schwamm drueber – Oruro ist eine Stadt, die keinen Platz im Reisefuehrer verdient hat).
Am naechsten Tag gehts dann endgueltig nach Cochabamba. Ein Tag, an dem wir von gluehendheisser Wuestensonne bis zu Regen und Graupelschauer alles abkriegen, was die Natur so zu bieten hat. Alle unsere Klamotten kommen nach und nach zum Einsatz und verschwinden beim Abstieg nach Cochabamba wieder in den Koffern. Da die Fahrt recht kraftraubend war, suchen wir uns wieder ein Zimmer, diesmal finden wir etwas angenehmeres… Obwohl Cochabamba Flair hat - vor allem der Markt ist absolut der Hammer - ist es fuer uns trotzdem nur Durchgangsstation. Wir wollen wieder in die Berge und mal wieder campen, wir haben genug von Hostels und Grosstaedten. Wir decken uns mit Vorraeten ein und ab gehts auf Aspahlt Richtung Sta. Cruz de la Sierra, bei Epizana zweigt die Piste nach Sucre ab, unserem naechsten Ziel. Wir rollen gemuetlich auf der alten Incastrasse und finden einen schoenen Platz zum Picknicken. Irgendwann, wir wollen grad wieder zusammenpacken, hoeren wir ein vertrautes Motorengeraeusch - um die Kurve biegt ein ueberladenes Schlachtschiff, die Africa Twin mit unseren beiden Englaender.
Wir hatten sie eigentlich irgendwo vor uns vermutet, aber ihnen kam eine Ruinenanlage in der Naehe von Cochabamba grad recht zum Wildcampen. Klar, dass sich da das Picknick noch etws ausdehnt. Wir plauschen ein bischen und verabreden uns lose in ein paar Tagen in Uyuni.
Irgendwann machen wir uns wieder auf, die Incastrasse bleibt gut befahrbar, schraubt sich die Berge rauf und runter.
Irgendwann, es wird schon Abend, beginnen wir mit der Suche nach einem Platz zum Campen. Ausgerechnet jetzt kommt nichts brauchbares mehr. Die Strasse geht am Fluss entlang, rechts die bewaesserten Felder, links der Berg, jede Menge Doerfer und kein ungestoertes Plaetzchen. Muessen wir bis Sucre durchfahren und dabei wieder in die Nacht kommen? – das gefaellt uns gar nicht. Irgendwann biegt die Strasse vom Fluss ab den Berg hoch, Martin wittert sofort unsere Chance und tatsaechlich, ein Pfad fuehrt von der Strasse weg auf einen uneinsehbaren Grat, oben eine grade Flaeche, perfekt! Das Zelt ist schnell aufgestellt, und das Ratatouille wird auch bald fertig.
Diesen Tag beschliessen wir zufrieden mit ein paar lauwarmen Bieren – geschuettelt, nicht geruehrt natuerlich. 
Morgens kommen wir nicht so recht in die Gaenge, aber das ist auch nicht noetig, unser naechstes Ziel Sucre ist nur 140 km weg. Wir fruehstuecken ausgiebig und machen uns so gegen halb 11 auf den Weg. Die Piste bleibt gut, so sind wir bereits um 2 Uhr kurz vor Sucre. Wir wollen grade anzuhalten und im Reisefuehrer einen Platz zum Bleiben zu suchen, da kommt uns ein aehnlich bepacktes Motorrad entgegen. Es haelt an und dreht um und unter dem Helm kommt Martina hervor, die seit ca. 3 Jahren mit ihrer DR 650 durch Nord- und Suedamerika unterwegs ist. Sie beschliesst spontan umzukehren und mit uns den naechsten Tag zu verbringen - die Gelegenheit zu gleichgesinnter Unterhaltung nehmen also auch andere Reisenden gern in Anspruch...
Wir verbringen den restlichen Nachmittag und Abend in einem Cafe bei Geschichten von 1001 Erlebnissen und Orten. Marina hat ihren Hausstand komplett aufgegeben und tingelt mit Open End durch die Welt, mal mit ihrem Freund, mal allein, wenn den grad mal wider das Heimweh oder der Geldmangel nach England zuruecktreibt. Auch eine Moeglichkeit - obwohl diese fuer uns (vor allem fuer Martin) momentan nicht im Bereich des Vorstellbaren liegt. Silvia und Martina ziehen am naechsten Tag durch die Museen in Sucre, waehrend Martin nochmal (leider ohne brauchbares Ergebnis) auf Reifenjagd geht. Der Tag geht schnell rum und wir beschliessen ihn in einem Grillhaehnchenrestaurant...
Der naechste Tag bringt uns wieder mal Richtung Anden, wir steigen wieder und kommen am fruehen Nachmittag in Potosi an, der auf 4060 m gelegenen Bergarbeiterstadt, in der seit dem 16. Jahrhundert geschuerft wird und aus der bis heute ca 50.000 Tonnen Silber vor allem nach Spanien, nach der Unabhaengigkeit auch in alle Welt gegangen sind. Ein Ziel fuer Silvia, sie moechte unbedingt eine Minentour machen und kommt am Abend begeistert ins Hostal zurueck.
Auf den ersten Blick eine triste Stadt, offenbart sich der Charme von Potosi am naechsten Tag, es ist der Feiertag der Stadt. Den ganzen Tag ziehen Prozessionen und Marschkapellen durch die Innenstadt, die Minenarbeiter haben auch fast alle freigemacht. Wir streifen herum und lassen uns von dem Gewusel einfangen.
Wir treffen wieder zufaellig auf Chris und Liz, (von denen wir dachten, dass sie schon in Uyuni sind) und verbringen mit ihnen den Abend. Spontan beschliessen wir, die naechste Etappe nach Uyuni zusammen zu machen.
Nach dem Fruehstueck gehts los, wir nehmen die 220 km Piste in Angriff. Alle Warnungen vor Flussduchfahrten und schlechten Verhaeltnissen im Kopf, haben wir uns fuer 2 Tage mit Lebensmitteln eingedeckt - aber das stellt sich alles als Quatsch heraus. Die Piste ist gut, die Fluesse sind fast alle ueberbrueckt und so schaffen wir es trotz vieler Photostops locker nach Uyuni.
Hier bereiten wir uns auf die Durchquerung des Salar de Uyuni und der suedlich davon gelegenen Wueste vor. Die Motorraeder werden eingesalbt damit sie nicht zu sehr unter dem Salz leiden, Vorraete fuer 5 Tage eingekauft und Spritlager und Routeninfos organisiert. Es bleibt auch noch Zeit fuer die Besichtigung des Cementerio de Trenes, eines Schrottplatzes fuer die Dampfloks und Waggons der Bolivianischen Eisenbahn. Die stehen da in der Wuestensonne und rosten einfach so vor sich hin. Wir sind total fasziniert und toben uns mit den Moppeds dazwischen aus.
Morgen gehts weiter auf den Salar de Uyuni, eines der Highlights unserer Reise. Da wir noch nicht wissen, wann wir wieder Zugang zur "Zivilisation" haben werden, sagen wir einfach mal "hasta luego"...
von silvia um 03:03:14
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